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Ringvorlesung Kafka in Kabul - Literatur auf Wanderschaft

„Anfang und Ende von Kafkas Reise in Afghanistan“
Dienstag, 11. Mai 2010 | Brechtbau HS 037

Dr. Assadullah Habib
Dr. Assadullah Habib
ehemaliger Direktor der Universität Kabul,
Schriftsteller und Literaturwissenschaftler


Miriam Gardisi
Maryam Gardisi, Dipl.-Kulturwirtin
EU-Projektleiterin in Lübeck, interkulturelle Beraterin/Trainerin


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Die Ambivalenz der Leitbilder pdf-iconpdf-Dokument
Assadullah Habib spricht über den Kampf der Schriftsteller um Aufklärung in Afghanistan

Von Arata Takeda

 

Afghanistan blutete. Doch die Hoffnung auf Freiheit und Recht starb selbst unter den grausamsten Foltermethoden nicht. Ab 1920 lasse sich in Afghanistan die Entwicklung einer literarischen Gattung verzeichnen, die sich eng am Modell des europäischen Romans orientiere – diese Beobachtung bildet den Ausgangspunkt des Vortrages des afghanischen Schriftstellers und Literaturwissenschaftlers Assadullah Habib im Rahmen der Ringvorlesung „Kafka in Kabul – Literatur auf Wanderschaft“. Maryam Gardisi, Diplom-Kulturwirtin und EU-Projektleiterin, übersetzt den auf Dari gehaltenen Vortrag konsekutiv ins Deutsche. Genau genommen handelt es sich bei dem afghanischen ‚Roman‘ um eine formal altbekannte Gattung mit inhaltlich neuen Ansprüchen – die afghanischen Sprachen kennen keinen Unterschied zwischen Roman und Erzählung –: Widerstand gegen das repressive System und Aufklärung gegen den religiösen Fundamentalismus.

Das moderne Freiheits- und Rechtsverständnis sowie das aufklärerische Gedankengut haben sich die neueren afghanischen Romanciers, die das Privileg hatten, außer Landes zu studieren, in Europa erworben. Zu ihnen zählen etwa Mohammad Hossain („Akbars Glaubenskrieg“), Abdul-Qader Afandi („Das  Bildnis der  Aufklärung“), Sultan Mohammad („Die Worte der Seele über die gelebte Realität“), Gholam Nabi („Das afghanische Unabhängigkeitsfest in Bolivien“) sowie Rahnaward Zaryab („Der Mann, dessen Schatten ihn verlassen hat“, „Der Abend“, „Der alte Mann und seine Katze“, „Der Vorhang“). Literatur wurde für sie zum Mittel gewaltfreien Protestes gegen die politischen und sozialen Missstände, für die Herrschenden und die religiösen Fanatiker hingegen zum Grund für gewaltsame Unterdrückung und systematische Verfolgung. Das Bestreben der Romanciers nach Aufklärung, kombiniert mit Bewunderung und Öffnung gegenüber dem ‚Westen‘, stieß somit auf nicht nur verschlossene, sondern auch ‚scharfkantige‘ Türen.

Das ambivalente Gefühl, das man gegenwärtig in vielen nichtwestlichen Regionen der Welt gegenüber dem ‚Westen‘ empfindet, wird erst vor diesem Hintergrund in seinem vollen Ausmaß nachvollziehbar: Die sozialkritischen und reformfreudigen Romanciers mussten – bei aller Verehrung und Dankbarkeit für den ‚Westen‘, der sie geistig zu jenen Werten inspiriert hatte, die sie nun entschlossen vertraten – zu der schmerzvollen Einsicht gelangen, dass der totalitäre Machtapparat, der ihrem Interesse an der Orientierung am ‚Westen‘ mit Zensur und Folter entgegentrat, von ebendiesem ‚Westen‘ Unterstützung und Förderung erhielt. Ein bewundernswerter, freiheitsliebender ‚Westen‘ stand da einem doppelmoralischen, machtbesessenen ‚Westen‘ diametral und paradox gegenüber. Afghanistan blutete weiter.

So war es um die Schriftsteller, die Übersetzer und das Lesepublikum in Afghanistan bestellt, als Romane, Dramen und Erzählungen von Honoré de Balzac, Victor Hugo, Charles Dickens, Fëdor Dostoevskij, Jules Verne, Anton Čechov, Maxim Gorki, Jack London, Bertold Brecht, Ernest Hemingway, John Steinbeck und schließlich auch Franz Kafka – u. a. in den neupersischen Übersetzungen des iranischen Schriftstellers Sadeq Hedayat – nach und nach die Literaturszene des Landes zu betreten beginnen. Ab 1960 entstehen, im Zuge der Entwicklung eines literarisch kodierten ‚sozialen Realismus‘, mehrere Kurzromane bzw. -geschichten unter Anlehnung an die etablierten Modelle aus der westlichen Literatur. Kafkas Mischung aus albtraumhafter Phantasie und hyperseriöser Realität kam den herrschenden Zuständen in Afghanistan sowie der ambivalenten Haltung der Reformwilligen gegenüber dem ‚Westen‘ besonders zugute. Während die Begeisterungswelle für Kafkas Literatur unter den derzeitigen politischen Zuständen etwas nachgelassen hat, schreibt Habib – wie er gerne zugibt – unter dem nachhaltigen Einfluss Kafkas weiter.

Der Verfasser dankt Maryam Gardisi für die Hinweise auf die afghanischen Schriftsteller sowie deren Romane und Erzählungen.

 



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Stand: 25. Mai 2010