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Seyran Ates fotografiert von Müjgan Arpat
Foto: Müjgan Arpat
Seyran Ateş
„Wertekonflikte in der multikulturellen Gesellschaft - Die Gleichberechtigung der Geschlechter als Zerreißprobe“

Öffentlicher Vortrag
Freitag, 10. Juli 2009 | Kupferbau HS 21





Wenn wir über Konflikte zwischen der „westlichen“ und „islamischen Welt“ und den Auseinandersetzungen in den multikulturellen Gesellschaften Europas sprechen, dann gelangen wir ganz schnell bei Begriffen wie Kultur, Tradition, Werte und Gleichberechtigung der Geschlechter.

Kultur, Tradition und Werte werden je nach Religion und Geschichte eines Landes sehr unterschiedlich ausgelegt. So werden Begriffe wie Freiheit und Demokratie nicht in allen Ländern dieser Erde gleich definiert oder gar akzeptiert. Werte, die sich in einer Demokratie ausbilden, wie beispielsweise Meinungs- und Pressefreiheit, stehen in Diktaturen unter einem ganz anderen Licht. So sind Werte immer die Grundlage einer Verfassung. Welche Werte liegen der deutschen Verfassung zugrunde. Auch im Hinblick auf die Gleichberechtigung der Geschlechter?

Wie soll der Westen nun mit den Konflikten umgehen, die sich sowohl in der Gesellschaft als auch in der Justiz ergeben? Insbesondere, wenn es sich um das Feld der Gleichberechtigung der Geschlechter handelt.

Da hört man von einer Richterin, die einer Härtefallscheidung nicht zustimmen mag, weil muslimische Männer nun mal schlagen würden, das würde der Koran erlauben. Da spricht man von sogenannten Ehrenmorden und kritisiert, dass es bei Deutschen nur Eifersuchtsdrama genannt wird, und will einen Verbotsirrtum in Betracht ziehen.

Zwangsehen seien schon strafbar, warum benötigen wir da noch einen eigenen Straftatbestand, heißt es. Außerdem müsse das alles besser von arrangierten Ehen angegrenzt werden. Dann würde man sehen, dass es gar nicht so viele Zwangsehen geben würde.

Das Kopftuch polarisiert wohl am meisten. Die einen sagen, dass jeder nach seiner Fasson leben soll, die anderen sehen in dem Stoff die Flagge der Islamisten. Wie sollen Gerichte entscheiden?

Befreiungen vom Schwimm- und Sportunterricht betreffen nicht zufällig fast ausschließlich Mädchen. Die Gerichte müssen Urteilen. Wie entscheiden sie sich?

Und wenn über all diese Themen geschrieben wird. Wer darf was schreiben? Hat die Literatur es einfacher als die Justiz? Ist sie weniger eingeengt in ihrem Blickfeld?



Zur Person

Seyran Ateş, Rechtsanwältin, Autorin und Publizistin, 1963 in Istanbul geboren, lebt seit 1969 in Berlin. Sie studierte Rechtswissenschaften an der Freien Universität Berlin und arbeitete von 1997 bis Juni 2006 als selbständige Rechtsanwältin. Im Sommer 2006 gab sie ihre Zulassung als Anwältin zurück. Auslöser war ein tätlicher Angriff nach einem Scheidungstermin durch den Ehemann einer Mandantin. Aufgrund ihrer frauenparteiischen Arbeit und ihres Einsatzes für die Gleichberechtigung der Geschlechter ist sie immer wieder großen Anfeindungen und Drohungen ausgesetzt. Von September 2007 bis Mai 2009 war Seyran Ateş wieder als Anwältin zugelassen. Sie konnte ihren Beruf aber nicht mehr wirklich ausüben. Daher hat sie die Konsequenzen gezogen und orientiert sich beruflich jetzt um. Seyran Ateş ist eine der wichtigsten Stimmen im Kampf gegen Zwangsheirat und Ehrenmorde in Deutschland. Sie setzt sich seit vielen Jahren für die Einführung eines eigenen Straftatbestandes Zwangsheirat ein.
Sie ist Mitautorin des 1983 erschienenen Buches “Wo gehören wir hin? Zwei türkische Mädchen erzählen“. Darin erzählt sie ihre eigene Geschichte bis zur Trennung von der Familie mit knapp 18 Jahren. 2003 erschien ihre zweite Autobiographie beim Rowohlt Berlin Verlag. Darin schildert sie beginnend bei der Generation ihrer Großeltern beispielhaft das Leben vieler türkischer Zuwanderer in Deutschland. 2007 erschien ihr Buch „Der Multikuliti-Irrtum, wie wir in Deutschland besser zusammen leben können“. Darin beschreibt sie das Zusammenleben von Deutschen und Zugewanderten. Dabei hat sie einen besonderen Blick für die Konflikte, die im Zusammenhang mit der Integration des Islam in Europa existieren und macht Vorschläge, wie sie überwunden werden können. Seyran Ateş ist Plenumsmitglied der vom Innenministerium einberufenen Deutschen Islamkonferenz und des Nationalen Integrationsgipfels.



Preise und Auszeichnungen:

2004: Berliner Frauenpreis vom Berliner Senat für Wirtschaft, Arbeit und Frauen

2005: Zivilcouragepreis des Berliner CSD, vom CSD e.V.

2005: Frau des Jahres 2005, vom deutschen Staatsbürgerinnen Verband e.V.

2006: Ossip-K.- Flechtheimpreis, vom humanistischen Verband Deutschland

2006: Vorbilder des Jahres 2006, vom SOS-Berufsausbildungszentrum Berlin

2006: Goldene Bild der Frau, vom Axel-Springer Verlag, Bild der Frau

2006: Botschafterin für Menschenrechte in Berlin-Mitte, vom Aktionsbündnis Mitte für Menschenrechte

2007: Verleihung am 07.02.2007, Margherita von Brentano Preis, Förderpreis von der Freien Universität Berlin

2007: 07.03.2007 Auszeichnung zur „Niedersächsischen Löwin“ durch die Arbeitsgemeinschaft der sozialdemokratischen Frauen (ASF-SPD)

2007: 21.06.2007 Bundesverdienstorden am Bande, überreicht durch den Bundespräsidenten Horst Köhler persönlich

2007: 10.10.2007 Menschenrechtspreis der Ingrid zu Solms Stiftung

2008: 01.10.2008 Verdienstorden der Stadt Berlin. Überreicht durch den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit

2008: 23.11.2008 Arnold-Freymuth-Preis, von der Arnold-Freymuth Gesellschaft

2008: 07.12.2008 Johann-Phillip-Palm-Preis für Meinungs- und Pressefreiheit, von der Palm Stiftung



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