Wertewelten im Klassenzimmer

Interkulturelle Perspektiven auf literarische Texte im Schulunterricht
Prof. Dr. Jürgen Wertheimer | Elisabeth Rangosch-Schneck




Was haben chinesische Schüler im Kopf, wenn sie Kafkas Türhüter-Parabel lesen? Wie reagieren russische Schüler auf den Vater-Sohn-Konflikt in Schillers Räubern? Was passiert, wenn Josef plötzlich Josephine heißt oder Franz Faruk?

Wertewelten im Klassenzimmer ist ein Seminarkonzept an der Universität Tübingen, das Fragen genau dieser Art in den Blick nimmt. Insbesondere Lehramtsstudierende sollen durch forschendes Lernen ausgehend von literarischen Standardtexten ganz eigene Fragestellungen entwickeln und in kleinen, selbstorganisierten Forschungsgruppen Antworten finden. Der Kanon deutscher Pflichtlektüren soll fernab vergilbter Buchseiten erfahrbar gemacht werden: Feldforschung statt Bibliotheksstudium.



Eine zentrale Rolle spielt dabei migrationsbedingte Heterogenität, sowohl der SchülerInnen als auch der Lehrpersonen. Literatur wird als Medium des Diskurses über Divergenzen verstanden. Die bewusste und explizite Berücksichtigung interkultureller Perspektiven ermöglicht — unabhängig von standardisierten Lektürehilfen — ganz unterschiedliche Deutungshorizonte.



Sowohl die thematische und methodische Freiheit für die Realisierung der Forschungsprojekte als auch die Reflexion plurikultureller Deutungsspielräume sensibilisieren für einen vielschichtigen Perspektivenreichtum auf Standardtexte, die selbst schon nicht diese monokulturellen Dokumente deutscher Geistesgeschichte sind, als die sie uns im schwarz-(rot)-gelben Reclam-Heftchen manchmal erscheinen mögen ...



In der mehrteiligen Seminarreihe soll dabei zusammen mit Lehramtsstudierenden ein Frage- und Antwortkatalog zu Texten schulischer „Pflichtleküre“ entstehen wie beispielsweise Die Räuber, Der Prozess, Michael Kohlhaas, Der Besuch der alten Dame, Dantons Tod, Homo faber, Agnes




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Stand: 15. September 2010